Geisenheimer weltweit: Peter Pitsch, Dipl.-Ing. Weinbau und Oenologie | |  | |
Vielleicht gehöre ich zu den immer seltener werdenden Menschen, die sich nie die Frage gestellt haben, was sie später mal machen wollen. Es war für mich immer klar, dass mein Beruf sich um den Wein drehen würde. Zuerst wollte ich den Betrieb meines Vaters übernehmen. Deshalb besuchte ich nach meinen neun Jahren Volksschule die zweijährige kaufmännische Handelsschule, um auch diese, für den Selbstvermarkter wichtige Sparte, besser kennen zu lernen.
Eigentlich wollte ich dann die Lehre machen mit anschließender Meisterprüfung. Da jedoch gerade eine Fachoberschule für Landwirtschaft in Bad Kreuznach eröffnet wurde, kam ich mit meinem Vater überein, diese noch zu besuchen. Nach erfolgreichem Abschluss war es geradezu selbstverständlich das Studium Weinbau und Kellerwirtschaft in Geisenheim folgen zu lassen. Es wurde lediglich von meiner Einberufung zur Bundeswehr unterbrochen und war im Sommer 1975 beendet. Ich fühlte mich mit meinen 22 Jahren frei und zu neugierig, um mich bis zum Rentenalter sofort ins Zeug zu legen. Ich wollte raus und was anderes sehen.
Mit der Starthilfe des Deutsch-Französischen Jugendwerkes und später Dank Vitamin B von Prof. Helmut Becker von der Rebenzüchtung in Geisenheim, konnte ich in Frankreich "Fuss" fassen. Genauer gesagt konnte ich während 21 Monaten in den unterschiedlichsten Weinbaugebieten Frankreichs wie Champagne, Muscadet, Beaujolais, Bordelais, Provence oder am Mittelmeer mir die französische Sprache aneignen und die gebietstypischen Weinbereitungen praktizieren und erleben. Nach dieser sehr bereichernden und kurzweiligen Zeit konnte ich im Mai 1977 eine Anstellung in der WS-Abteilung der Seitz-Werke in Bad Kreuznach finden. Auch hier ging das interessante Schaffen weiter. Was kann man sich besseres wünschen, als mit erfahrenen, weltgereisten Kollegen den Weinsektor kennen zu lernen?
Es war eine weitere Lehrzeit, wo ich mit den vielseitigsten Problemen der Wein-, Sekt- und Saftbranche in Berührung kam. Trotzdem habe ich es nicht länger als 18 Monate dort ausgehalten, weil die privaten Telefonkosten nach Frankreich langsam zu teuer wurden. Ich konnte die Anstellung als Oenologe in der Kellerei der Domaines Viticoles des Salins du Midi in Sète, direkt am Mittelmeer gelegen, erreichen. Somit stand der Hochzeit mit meiner französischen Verlobten, die ich während meines Aufenthaltes 1976 in dieser Firma kennen gelernt hatte, nichts mehr im Wege.
Diese Firma heisst heute Domaines LISTEL und gehört zur Gruppe Val d'Orbieu. Sie ist sicherlich mit mittlerweile über 2.000 ha eigenen Rebflächen der grösste private Winzer Europa. Davon sind alleine 1.400 ha im so genannten Sandweingebiet zwischen Saintes Maries de la Mer und Sète. Die anderen Flächen teilen sich die verschiedenen Weingüter in den Côtes du Rhone, der Provence und in den Corbières. Was mich schon immer besonders angesprochen hatte, war die Vielfalt der kellertechnischen Arbeiten. Es werden die geernteten Trauben verarbeitet, ein grosse Menge des Mostes wird KZE-eingelagert (um später als Saft oder andere Getränke weiter verwendet zu werden), sämtliche Weintypen (Weiss-,Rosé- oder Rotweine, Weissherbst), Sekte, Schaumweine, Perlweine, aromatisierte weinhaltige Getränke, angegorene Traubenmoste, Traubensaft werden hergestellt.
Von den über 55 Millionen Flaschen werden cirka 45 Millionen in der Kellerei in Sète abgefüllt. Die gesamte Produktion wird von einer eigenen kaufmännischen Abteilung verkauft. Ungefähr 20 % gehen ins Ausland. Es ist schon ein Genuss, während der Mittagspause eines arbeitsreichen Tages mal kurz ins nur 100 m entfernte Meer zu springen. Wenn das nicht genügt , kann es abends noch einmal nachgeholt werden. Dies und auch die doch wärmeren Temperaturen machen hier das Leben schon lebenswert...und im schlimmsten Fall muss eine gute Flasche Mosel helfen.
Peter Pitsch
Leiter Kellertechnik, Domaines Listel, Frankreich
Alumni-Jahrgang 1973
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