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Viermal Argentinien und zurück

 

Das hatte ich mir im April 1966 nicht träumen lassen, als ich am Ende einer abenteuerlichen Tätigkeit als Reiseleiter Südamerika verließ, um als 41jähriger ein sechssemestriges Studium des Gartenbaus in Geisenheim zu beginnen. Aber es war Realität, dass ich am Tage der Zeugnisübergabe an den nunmehr graduierten Gartenbauingenieur, am 15. Februar 1969, auch meinen ersten Arbeitstag im Dienste der deutschen Entwicklungshilfe absolvierte.

Auch das war abenteuerlich!

 

Zwar hatte auf meinen Expeditionen von 1957-66 mein Hauptaugenmerk den Kakteen gegolten. Daneben hatte ich auch Orchideen und Bromelien für botanische Gärten und Herbarmaterial für botanische Museen gesammelt. Dabei hatte ich auch die oft winzigen Knollen von Wildkartoffen mitgebracht, die ich häufig gemeinsam mit Kakteen in den Anden angetroffen hatte. Diese Wildkartoffeln interessierten den Schwiegersohn einer der Kundinnen in der väterlichen Gärtnerei in Bad Pyrmont, die ich selbst als Gärtnermeister ab 1950 geleitet hatte. Professor Ross vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln suchte 1968 für das von ihm geplante Projekt zur Förderung der argentinischen Kartoffelzüchtung einen promovierten Botaniker als Experten für Solanumtaxonomie. Er sollte in der Lage sein, möglichst alle Spezies der knollenbildenden Solanum in den argentinischen Anden zu sammeln und anhand der Herbarbelege zu identifizieren. Dieses Pflanzenmaterial sollte die Basis sein für die Züchtung neuer Kartoffelsorten. Dabei brachten die Wildkartoffeln ihre Resistenzen gegen Kälte, Trockenheit und die Vielzahl von Insekten, Pilzen und Viren in die Neuzüchtungen ein. Kenntnis der spanischen Sprache war Voraussetzung für diesen Job.

 

Da sich kein geeigneter Bewerber an deutschen Universitäten fand, bekam ich meine Chance. Zwar konnten sich unsere argentinischen Partner zunächst nicht vorstellen, dass ein graduierter Gartenbauingenieur in der Lage sein sollte den

Anforderungen des Projektes gerecht zu werden. Dazu gehörten die Planung und Durchführung von Sammelexpeditionen zu Fuß, im Unimog oder auch mit Mulas. Danach mussten die einzelnen Sammelnummern anhand von Herbarvergleichen in den botanischen Museen in Tucuman und Buenos Aires identifiziert und das lebende Material in Form von Knollen und Samen an den Sitz des Projektes in der Provinz Buenos Aires verschickt werden.

 

Die Tatsache, dass ich auf meinen Expeditionen 1960 auch den Nordwesten Argentiniens bereist hatte, überzeugte unsere argentinischen Partner. Während ich mich an botanischen Instituten mit der Taxonomie der Knollenbildenden Solanum auseinandersetzte, tat meine Frau das Gleiche mit der Frage nach dem Schulbesuch unserer siebenjährigen Tochter. Zwar gab es deutsche Schulen in der Metropole Buenos Aires aber nicht in den Nordwestprovinzen Salta und Jujuy, den Gebieten mit der höchsten Dichte von Vorkommen der Wildkartoffeln. So blieb nur der Schulunterricht daheim, mit meiner Frau als Lehrerin. Um den Schulrat in Mannheim zu beruhigen,

sicherte meine Frau zu, nach einem Jahr Hausunterricht mit Katrin nach Deutschland zu kommen, um Katrins Leistungen in ihrer alten Klasse überprüfen zu lassen. So landeten wir im Juni 1969 in Tilcara, einer Taloase in 2500 m über NN. In der viermonatigen Regenzeit gibt es im Mittel 125 mm Niederschlag und nur in der winterlichen Trockenzeit fallen die Nachttemperaturen unter den Gefrierpunkt. Der Anbau von Steinobst, Gemüse und Kartoffeln ist nur im Sommer mit Hilfe der Bewässerung aus dem Rio Grande möglich.

 

Ehe der Ferntourismus den Wohlhabenden aus dem Zuckerrohrgebiet von Tucumán die Strände Brasiliens und Floridas öffnete, unterhielten sie Sommerhäuser in Tilcara, dem Ort mit den warmen Tagen und kühlen Nächten. Ein solches Sommerhaus konnten wir mieten, ohne zu ahnen, dass dieses ein besonderes Haus war. Es ist Teil eines Liedtextes, der von Maria Mendicuti geschrieben wurde, die ihre Sommerferien immer in Tilcara verbrachte.

 

In den Monaten Dezember bis April war ich fast ständig unterwegs. Mit dem Unimog bis an den Eingang einer Schlucht, dann weiter zu Fuß bis die Beutel mit den winzigen Knollen und Samenkapseln und die Herbarmappen mit den krautigen Teilen der Pflanzen gefüllt waren. Zu Beginn der Arbeit wurden mit den Pflanzen auch die Begleitvegetation im Foto erfasst und auf den Sammelzetteln vermerkt.

 

Den ersten Krach mit dem Projektleiter gab es wegen meiner Weigerung, einen für den Badestrand konzipierten Wagen aus den USA als Expeditionsfahrzeug zu akzeptieren.Da es all die wunderschönen Geländefahrzeuge deutscher Automobilfirmen damals noch nicht gab, hatte ich mich schon in Deutschland für einen Unimog mit Doppelkabine entschieden und auf dem Sauberg bei Rastatt Trainigsfahrten absolviert. Erst meine Drohung, nur mit diesem Fahrzeug im Projekt zu bleiben, ließ den Projektleiter einlenken.

 

Misstrauisch wie er war, konnte er sich aber nicht vorstellen, dass ich, mehr als 1000 Kilometer vom Projekt entfernt, ohne irgendeine Aufsicht täglich meine Arbeit tun würde. Auch von den Reisen wünschte er ständig Berichte über den augenblicklichen Aufenthalt.

Die ergiebigsten Standorte lagen im Dreiländereck Chile-Bolivien-Argentinien und entlang der Grenze bis ins Tiefland bei Los Toldos. Immer wieder wurde ich von den Grenzpolizisten gefragt, warum wir denn ausgerechnet in der Regenzeit unterwegs waren. Natürlich wären wir lieber in der Trockenzeit über die 4000m hohen Pässe geritten, statt nach Regen und Schnee morgens am Zeltdach Eiskristalle zu bewundern. Doch es zählte das Ergebnis, das auch in Pflanzen bestand, die bisher in Argentinien nicht gefunden wurden.

 

Weit im Süden, in der Provinz Mendoza, fanden wir Solanum maglia wieder, das Jahrzehnte zuvor von einem Botaniker der Universität Mendoza entdeckt, danach aber verschollen war. Wie man an einer Kollektion von Oreocereus, Cleistocactus, Lobivia und Rebutia in unserem Hausgarten sehen konnte, steckte im Solanumtaxonom auch noch der Kakteensammler. Führten ihn seine Dienstreisen aber nach Buenos Aires, so besuchte er morgens den Blumengroßmarkt und danach Gärtnerfamilien, deren Freundschaft er seit 1957 pflegte. Damals reiste der Gärtnermeister im Auftrag deutscher Gartenbaufirmen zu deren Kunden in Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile.

 

1970 erreichte mich im fernen Tilcara das Angebot, in den Rheingau zu kommen, um an der gerade entstehenden Fachhochschule Wiesbaden Vorlesungen in Geisenheim zu übernehmen. Das passte zeitlich zum Schulwechsel für Tochter Katrin und zur Einschulung von Sohn Johannes. Dass eine spätere Gastprofessur am Colegio de Postgraduados in Chapingo/Mexico mich zu den Nutzkakteen und zu einem weiteren Studium führen würden, war damals noch nicht abzusehen.

 

 

Dr. Werner Hoffmann

 

 





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